von unterschieden und stolpersteinen

[Hamburg. Samstag beim Frühstück.]

[GJ:] „Darf ich nach dem Frühstück einen Film ansehen?“

[Mutter:] „Meinetwegen. Ist ja Samstag.“

[GJ:] „Das große Mädchen und das kleine Mädchen hätten jetzt gefragt: ‚Dürfen wir etwas schauen?'“

[Mutter:] „Ja, das stimmt.“

[GJ:] „Die sagen manchmal Sachen anders, als wir das sagen. So wie das große Mädchen manchmal sagt: ‚Das ist ja balla-balla!‘, wenn wir eher sagen: ‚Das ist ja komisch.'“

[Mutter:] „Genau.“

[GJ:] „Und Opi sagt dann eher: ‚Das ist ja doll!'“

[Mutter:] „Ja. So sagt jeder etwas anderes.“

[GJ:] „Und Papa würde vielleicht auch noch etwas anderes sagen.“

[Mutter:] „Bestimmt.“

[GJ:] „Man muss immer wissen, was jeder so meint, wenn er etwas sagt. Sonst versteht man sich ja nicht.“

[Mutter:] „Ja. Das ist ziemlich wichtig. Aber wenn man sich schon etwas länger kennt, zum Beispiel in einer Familie, dann weiß man das meistens.“

[GJ:] „Ja, aber wenn die Familie nicht zusammenlebt, dann muss man das auch lernen. Also ich zum Beispiel habe ja viele Cousins und Cousinen, und deswegen muss ich von mehr Leuten lernen, was sie meinen, wenn sie etwas sagen. Wenn jemand nur so mit Mama und Papa zusammenlebt, ist das einfacher.“

[Mutter:] „Ja. Das stimmt. Dafür lernst Du auch gleich, dass verschiedene Menschen verschiedene Dinge sagen, wenn sie dasselbe meinen. Oder verschiedene Dinge meinen, wenn sie dasselbe sagen.“

[GJ:] „Darf ich jetzt einen Film ansehen?“


[Berlin. Samstag nachmittag.]

[Mutter:] „Oh, ich freu‘ mich schon, wir gehen heute auf den Britischen Weihnachtsmarkt.“

[GM:] „Was gibt’s denn da?“

[Mutter:] „Ach, lauter englische Sachen. Mince pies zum Beispiel. Und englische Süßigkeiten. Und englische Bücher.“

[GM:] „Mince pies? Was ist das denn?“

[Mutter:] „Das sind so kleine Teigförmchen mit Teigdeckel drauf und einer speziellen Füllung drin. Manche mögen die sehr gerne, und manche mögen die gar nicht.“

[GM:] „Ach so. Gibt’s da nur englische Bücher?“

[Mutter:] „Hmh, manchmal gibt es auch ein paar deutsche Bücher.“

[Etwas später auf dem Weihnachtsmarkt. Mutter:] „Ich geh‘ jetzt Bücher gucken.“

[GM:] „Ich geh‘ mit!“

[Bei den Büchern. Mutter:] „Guck‘ mal, da sind deutsche Kinderbücher.“

[Das große Mädchen geht gucken. Nach einer Weile kommt es mit einem Buch wieder.]

[GM:] „Guck‘ mal, darf ich das haben?“

[Mutter liest:] „Judith und Lisa*. Oh. Das ist ja spannend. Ja, kannst Du haben.“

[GM:] „Ich geh‘ mal und les‘ das.“

[Mutter guckt weiter Bücher an:] „Okay.“

[GM kommt wieder.] „Ich hab’s durch.“

[Mutter:] „Das war bestimmt etwas unheimlich, oder?“

[GM:] „Nee. Nicht wirklich. Aber wieso sagen die, die Juden hätten alle schwarze Haare? Das stimmt doch gar nicht.“

[Mutter:] „Nee, das stimmt nicht. Die haben viel gesagt, was nicht stimmt. Da sprechen wir nachher nochmal drüber. Komm, wir gehen zahlen.“

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Das neue Buch vom großen Mädchen

[Hamburg. Sonntag früh.]

[GJ:] „Mama? Können wir jetzt gleich losgehen und in der Pokémon-Arena kämpfen?“

[Mutter:] „Gleich, wenn ich hier fertig bin, ja?“

[GJ:] „Okay. Ich hole inzwischen hier noch etwas am Pokéstop ab.“

[GJ liest die Beschriftung eines nahegelegenen Pokéstops:] „‚Stolperstein Baucke‘.“

[Mutter:] „Weißt Du eigentlich, was diese Stolpersteine bedeuten?“

[GJ:] „Nein. Aber hier steht es ja: ‚Stolperstein Baucke. Gedenkstein an die Judenvertreibung in Deutschland im 2. Weltkrieg.“

[Mutter:] „Weißt Du etwas darüber, was mit ‚Judenvertreibung‘ gemeint ist?“

[GJ:] „Nein. Aber der zweite Weltkrieg war der zweite, vorher gab es noch den ersten Weltkrieg.“

[Mutter:] „Ja, genau. Und im zweiten Weltkrieg haben viele Menschen in Deutschland geglaubt, dass Juden schlechte Menschen sind. Und deshalb hat man sehr, sehr viele Juden festgenommen, in Lager gebracht und dann dort umgebracht.“

[GJ:] „Das ist aber nicht in Ordnung. Stell‘ Dir mal vor, diejenigen, die das gemacht haben, wären in einem anderen Land gewesen und man hätte das da mit ihnen gemacht. Das hätten die bestimmt nicht gut gefunden.“

[Mutter:] „Nein. Bestimmt nicht. Und damit wir nicht vergessen, wie furchtbar das war, und damit wir uns auch an die Menschen erinnern, die ermordet worden sind, gibt es die Stolpersteine.“

[GJ:] „Gehen wir jetzt los zur Pokémon-Arena?“

[Die Mutter und der große Junge gehen los, um Pokémon zu fangen und in einer Arena in der Nähe ein paar Pokémon-Kämpfe zu verlieren und zu gewinnen.]


[GJ:] „Oh! Guck‘ mal! Da ist ein Pikachu! Und noch eins!“

[Mutter:] „Oh toll! Warte – ich mache ein Foto.“

[GJ:] „Ist es drauf? Dann will ich es fangen – ich habe noch nie ein Pikachu gefangen.“

[Mutter:] „Ja, ist drauf! Warte – das fange ich, Du darfst das nächste fangen!“

[GJ:] „Ich fange das nächste, ja? Hier muss irgendwo ein Pikachu-Nest sein!“


[Berlin. Sonntag früh.]

[GM:] „Mama? In meinem neuen Buch, weißt Du was? Da haben die Bücher verbrannt, von denen sie gesagt haben, die sind schlecht. Aber da waren auch Bücher von Erich Kästner dabei! Die sind doch gut!“

[Mutter:] „Ja, genau. Da haben die, die damals in Deutschland an der Macht waren, ganz viele wichtige und richtige Bücher verbrannt. Das war ganz schön dumm und gemein. Es ist nämlich nie gut, wenn man verbietet, über Ideen zu reden und zu schreiben und zu lesen. Aber zum Glück waren die Bücher nicht weg. “

[GM:] „Nee, denn sonst könnte man die nicht mehr lesen.

[Mutter:] „Und weißt Du was?“

[GM:] „Was?“

[Mutter:] „Der Herr Kästner war sogar dabei, als sie seine Bücher verbrannt haben. Das war bestimmt unheimlich.“

[GM:] „Und weißt Du, was noch dumm ist?“

[Mutter:] „Was denn?“

[GM:] „Dass die sagen, Juden hätten dunkle Haare. Ich habe ja auch dunkle Haare. Und wir sind Christen.“

[Mutter:] „Genau, daran sieht man schon, dass das nicht richtig ist. Und außerdem ist es ja Quatsch, wenn man Leute nur deshalb nicht gut findet, weil sie anders aussehen oder was anderes glauben.“

[GM:] „Ja, denn das hat ja nichts damit zu tun, ob die nett sind. Und die haben gar nicht alle schwarze Haare und dunkle Augen und eine krumme Nase.“

[Mutter:] „Nee. Und weißt Du was? Hitler hatte auch dunkle Haare.“

[GM:] „Dann ist das ja sowieso Quatsch.“

[Mutter:] „Mhm. Hast Du in dem Buch schon das Nachwort gelesen?“

[GM:] „Was ist das?“

[Mutter:] „Dahinten, der längere Text. Da steht noch mehr dazu drin, wie das alles war. Und warum das so wichtig ist, dass man was sagt, wenn andere zu jemandem gemein sind.“

[GM liest vor:] „Sie ist mit drei anderen durch Hitler und seine Helfer umgekommen.“

[Das kleine Mädchen hat mit zugehört:] „Was heißt umgekommen?“

[Mutter:] „Getötet.“

[KM:] „Echte Menschen? Haben die echte Menschen getötet?“

[Mutter:] „Leider ja.“

[GM:] „Das ist voll gemein.“

[Mutter:] „Ja. Und da ist dann die Frage, was macht mit Leuten, die so was gemacht haben? Die zu töten wäre ja auch keine Lösung.“

[GM:] „Ich weiß. Ich würde die erstmal einsperren, und dann müssen sie darüber nachdenken, was sie gemacht haben.“


[Hamburg. Einige Pokémon später auf dem Rückweg nach Hause.]

[GJ liest auf dem Stolperstein:]  „‚Johannes Baucke. Geboren 1890 in Hamburg. Gestorben 25.2.1945. KZ Neuengamme‘. Mama – was ist KZ?“

[Mutter:] „KZ ist eine Abkürzung für Konzentrationslager. Das waren die Lager, in die man im 2. Weltkrieg die Menschen gebracht hat, die ermordet werden sollten. Man hat ihnen gesagt, da sollten sie arbeiten, und dann hat man sie umgebracht.“

[GJ:] „Hat man die dann da auch begraben? So wie Omi?

[Mutter:] „Nicht wirklich. Ich glaube, man hat große Gruben ausgehoben und da dann viele tote Körper reingeworfen. Und viele hat man auch verbrannt.“

[GJ:] „Verbrannt? Wieso macht man das denn?“

[Mutter:] „Ich denke, in den Lagern haben sie das gemacht, weil sie nicht genug Platz oder genug Zeit hatten, alle zu begraben. Es gibt aber auch viele Länder, in denen tote Körper fast immer verbrannt werden, zum Beispiel in Indien. Und manche Menschen lassen sich auch bei uns verbrennen.“

[GJ:] „Also in Indien verstehe ich das.Wenn die Rinpoches zum Beispiel verbrannt werden, dann können aus der Asche danach ja neue Buddhas werden.“


[Mutter, etwas später:] „Komm‘ mal her – ich muss Dir etwas vorlesen!“

[GJ:] „Was denn?“

[Mutter liest den Artikel über den Stolperstein** vor, den beide vorher betrachtet haben:] „Hör‘ mal: Johannes Baucke war gar kein Jude, sondern er wurde deshalb verfolgt, weil er mit Männern zusammenlebte. Und hier steht, er ist ins Gefängnis gekommen mit der Begründung: ‚Er habe in einem Restaurant einem Lehrling ans Gesäß gefasst.‘.“

[GJ:] „Was? Das stimmt ja gar nicht! Da steht ja ‚er habe‘ – also hat er  gar nicht! Da müssen die doch genau hingucken – wahrscheinlich hat er aus Versehen einen Stuhl verschoben, und das fühlte sich dann so an, als ob er jemandem an den Po gefasst hätte.“

[Mutter:] „Ja, so könnte es gewesen sein.“

[GJ:] „Die Leute waren früher wirklich dumm. Wenn die Polizei ihn dafür festgenommen hat, dann müsste eigentlich die Polizei ins Gefängnis.“

[Mutter:] „Ja, da hast Du Recht. Glaubst Du denn, dass die Leute heute nicht mehr so dumm sind?“

[GJ:] „Naja, heute machen die meisten nicht mehr so dumme Sachen. Außer in den USA.“

[Mutter:] „Na, hoffentlich nicht.“

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Stolperstein Johannes Baucke (1890-1945)

* Judith und Lisa, von Elisabeth Reuter, mit einem Nachwort von Antoinette Becker. Ellermann, München 1988.

** Alle Hamburger Stolpersteine sind auf www.stolpersteine-hamburg.de dokumentiert, wo man nach Straßen und Namen suchen kann und wo sich bei vielen Einträgen auch längere biographische Artikel finden.

… und wie immer gibt es weitere Wochendblogs mit mehr und weniger Bildern bei Susanne Mierau in ihren Blog ‚Geborgen Wachsen‘.

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