in hamburg sagt man tschüss

[Am Montag dieser Woche ist unsere Mutter in Hamburg recht plötzlich – wenn auch nicht ganz unerwartet, da sie über viele Jahre immer wieder schwer krank war – gestorben. Ihr Tod betrifft und beschäftigt natürlich nicht nicht nur uns Mütter und unseren Vater, sondern auch das große Mädchen, den großen Jungen, das kleine Mädchen und sogar den kleinen Jungen, für die sie ihre „Omi“ war.]

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Folienstern & Kneteeis mit ihrer Mutter im Januar 1976.

[Berlin, am Montag Nachmittag. Das kleine Mädchen kommt aus der Kita zurück.]

[Mutter:] „Tschüss, kleines Mädchen. Ich muss ganz schnell nach Hamburg zur Omi fahren.“

[KM weint:] „Du sollst hierbleiben, Mama.“


[Hamburg, am Montag Abend. Die Mutter kommt aus dem Krankenhaus zurück nach Hause. Der große Junge sieht sich gerade ein Video aus der Sendung mit der Maus an.]

[Mutter:] „Kannst Du bitte Dein Video kurz ausmachen?“

[GJ:] „Warum?“

[Mutter:] „Ich möchte Dir etwas Wichtiges sagen.“

[GJ:] „Sind meine Fußballbilder angekommen?“

[Mutter:] „Das auch. Die kannst Du nachher aufmachen. Aber vorher möchte ich Dir noch etwas anderes sagen.“

[GJ:] „Was ist denn?“

[Mutter:] „Du weißt ja, dass Omi seit gestern im Krankenhaus war und dass es ihr heute plötzlich viel schlechter ging.“

[GJ:] „Ja – und?“

[Mutter:] „Als ich bei ihr im Krankenhaus war, ging es ihr ganz schnell noch viel schlechter. Und dann ist Omi ist heute Nachmittag gestorben.“

[GJ:] „Wann?“

[Mutter:] „Um halb sechs.“

[GJ:] „Na und? Das ist doch nicht so schlimm. Wir haben doch Fotos und Erinnerungen.“

[Mutter:] „Ja, das stimmt. Aber ich bin auch traurig, weil sie jetzt nicht mehr da ist.“

[GJ:] „Kann ich jetzt meine Fußballtüten auspacken?“

[Mutter:] „Ja, das kannst Du.“

[Später am Abend. GJ:] „Jetzt habe ich mein Album voll! Und ganz viele doppelte Bilder, die ich in der Kita tauschen kann. Und ich habe auch einen DFB-Glitzi und einen Hector-Glitzi, toll nicht?“

[Mutter:] „Ja, ganz toll. Jonas Hector hat ja gegen Italien den entscheidenden Elfmeter geschossen.“

[GJ, nach kurzer Pause:] „Mami, wieso konnten die Ärzte Omi denn nicht helfen?“

[Mutter:] „Die Ärzte haben alles versucht, um ihr zu helfen. Sie haben am Sonntag ganz schnell eine Operation gemacht, aber dann hatte Omi eine ganz schlimme Entzündung. Und dann war ihr Herz nicht mehr stark genug und hat aufgehört zu schlagen.“

[GJ:] „Mhm.“


[Berlin, am Montag Abend. Das große Mädchen kommt von einem Geburtstag zurück. Das kleine Mädchen schläft schon.]

[GM:] „Wo ist Mama?“

[Vater:] „Die ist nach Hamburg gefahren.“

[GM:] „Warum denn?“

[Vater:] „Du weißt doch, dass die Omi gestern ins Krankenhaus musste. Und da ging es ihr auf einmal schlechter. Deshalb ist Mama hingefahren. Und heute Abend ist Omi gestorben.“

[GM weint:] „Jetzt hatte ich so einen fröhlichen Tag. Und jetzt bin ich so traurig.“


[Berlin, am Dienstag Morgen.]

[KM:] „Ist die Mama schon wieder da?“

[Vater nimmt KM auf den Arm:] „Nein. Weißt Du …“

[GM:] „Die Omi ist gestern gestorben.“

[KM:] „Und der Opi?“

[Vater:] „Der ist jetzt ganz traurig.“


[Berlin, am Dienstag Abend. Die Mutter ist wieder zuhause.]

[KM:] „Mama, liest Du mir noch vor?“

[Mutter liest ein Buch vor.]

[KM:] „Noch eins!“

[Mutter:] „Ja, warte mal.“

[Holt Adieu, Herr Muffin von Ulf Nilsson und Anna-Clara Tidholm*. Fängt an zu lesen.]

[KM:] „Ist Herr Muffin alt?“

[Mutter:] „Ja, für ein Meerschweinchen ist Herr Muffin alt.“

[KM:] „War die Omi auch alt?“

[Mutter:] „Ja, schon.“

[KM:] „Wenn man zu lange Geburtstag hat, dann stirbt man. Bestimmt hatte Omi zu lange Geburtstag.“

[Mutter liest weiter. Als das Buch zu Ende ist, kommt das große Mädchen.]

[KM:] „Mama, nochmal!“

[Mutter:] „Das ganze Buch?“

[GM:] „Das ganze! Ich will auch mithören!“

[Mutter liest Herr Muffin nochmal]

[GM:] „Mama, was ist eine Bahre?“

[Mutter:] „Das ist so eine Art Trage.“

[GM:] „War Omi auch auf einer Bahre?“

[Mutter:] „Nein, die lag auf einem Bett, als sie gestorben ist.“

[GM:] „Du sollst nicht sterben sagen! Nur, wenn es zur Geschichte gehört!“

[Mutter:] „Okay. Soll ich jetzt weiterlesen?“

[GM, KM:] „Ja.“


[Hamburg, am Donnerstag Nachmittag. Der große Junge kommt aus der Kita.]

[Mutter:] „Hallo! Guck‘ mal, wer hier ist: Opi ist zu Besuch gekommen.“

[GJ:] „Opi, was machst Du denn hier?“

[Opi:] „Ich musste ein paar Sachen für Omis Beerdigung mit Deiner Mama besprechen.“

[GJ:] “ Willst Du mit mir die Mini-Pizzas für das Sommerfest in der Kita morgen backen?“

[Opi:] „Ja, das können wir gerne machen. Ist denn schon alles vorbereitet?“

[Mutter bringt den beiden Adieu Herr Muffin:] „Was haltet Ihr beide davon, wenn Ihr zusammen dieses Buch lest? In der Zwischenzeit mache ich in der Küche alles fertig zum Pizzabacken.“

[GJ und sein Opi lesen Adieu, Herr Muffin.]

[Etwas später in der Küche.]

[Opi:] „Wir haben früher mit Omi zusammen und Deiner Mutter und Deiner Tante auch immer Pizza selbst gemacht.“

[GJ:] „Ich mache jede Pizza etwas anders. Auf die hier tue ich keinen Schinken, falls jemand keinen Schinken mag. Und dann mache ich eine nur mit Schinken, falls jemand nur Schinken mag.“

[Opi:] „Und ich mache Pizza Vier Jahreszeiten mit vier verschiedenen Belägen, ein anderer auf jedem Viertel.“

[Später am Abend.]

[GJ:] „Mama, können wir noch einmal Adieu, Herr Muffin lesen?“

[Mutter:] „Ja, klar.“

[Beide lesen Adieu, Herr Muffin. GJ:] „Und welche Beerdigungslieder singen wir auf Omis Beerdigung?“

[Mutter:] „Wir wollen Geh‘ aus mein Herz… singen. Das ist Omis Lieblingslied.“

[GJ:] „Aber das ist doch kein Beerdigungslied! Können wir im Internet nach Beerdigungsliedern suchen?“

[Mutter:] „Lass‘ uns mal ins Gesangbuch schauen.“

[Beide blättern in die Rubrik ‚Sterben und ewiges Leben‘ im Gesangbuch und lesen einige Liedanfänge.]

[GJ:] „Die gefallen mir alle nicht. Die sind alle zu traurig. Können wir im Internet suchen?“

[Mutter:] „Was hältst Du davon, wenn wir Geh‘ aus mein Herz… auf Youtube suchen und gucken, was da noch so für Lieder angezeigt werden?“

[GJ:] „Okay.“

[Beide suchen auf Youtube Geh‘ aus mein Herz… und blättern durch die Liedvorschläge in der Seitenspalte.]

[Mutter:] „Guck‘ mal, das hier vielleicht?“

[Mutter klickt auf Von guten Mächten in dieser Aufnahme mit Siegfried Fietz.]

[GJ:] „Oh, das ist schön. Das gefällt mir. Können wir das auf Omis Beerdigung singen?“

[Mutter:] „Ja, das machen wir.“

[Mutter summt den Rest des Abends versonnen:]

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.“


[Berlin, am Wochenende]

[Mutter:] „Guck mal, der kleine Junge krabbelt! Schade, dass das die Omi nicht mehr sehen kann.“


*Alle Bilderbuchbilder aus Adieu, Herr Muffin von Ulf Nilsson und Anna-Clara Tidholm, Beltz& Gelberg, 2007. Ein wunderbares Bilderbuch über den Tod, nicht umsonst ausgezeichnet als bestes Bilderbuch des Jahres in Schweden. Wir hatten es zufällig im Regal, und es erwies sich als großer Glücksfall, um mit den Kindern über den Tod und die Beerdigung ihrer Großmutter zu reden.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ella sagt:

    Mein Mitgefühl zu eurem Verlust. Und vielen Dank für diese Einblicke, besonders in die Reaktionen der Kinder. Es hilft sich auf solche Fragen und Reaktionen vorzubereiten, bei uns gibt es nämlich noch 5 Ur-Großeltern, teilweise schon 90 Jahre alt. Wir haben auch schon Kinderbücher, die sich mit dem Thema beschäftigen hier. „Adieu, Herr Muffin“ werden wir uns bestimmt noch holen. Trauer ist wichtig, Kinder trauern anders, aber sie erinnern uns auch daran, dass es weiter geht. Liebe Güße, Ella

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    1. folienstern sagt:

      Vielen Dank, Ella! Bei fünf Urgroßeltern rückt das Thema natürlich nochmal anders näher. Für uns war „Adieu, Herr Muffin“ auch deshalb so gut, weil es – zufällig – die Sterbesituation sehr genau traf. Herzliche Grüße an Dich und Deine Familie, folienstern und kneteeis

      Gefällt 1 Person

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